Cary Hiroyula Tagawa

Cary Tagawa
Seine dramatischen Gesichtszüge und seine Leinwandpersönlichkeit haben Kampfkünstler Cary Tagawa zu einem bekannten Filmschauspilere avancieren lassen.

Innere Energie
Die unsichtbare Kraft

Als der bekannte japanische Karatemeister Nakayama ihm sagte: „du bist jung, kämpfe – meditieren kannst du wenn du alt bist,“ begann Cary Tagawa die Suche nach der „inneren Kraft.“ Heute hat der Hollywoodstar ein Kampfsystem entwickelt, bei dem die menschliche Energie über dem Kampf steht.

Cary Hiroyula Tagawa wird in Hollywood immer bekannter. Nicht wenige werden ihn aus seinen bislang größten Co-Starring-Rollen in „Rising Sun“ mit Wesley Snipes und Sean Connery sowie aus seiner Rolle des Shang Tsung in „Mortal Kombat“ wiedererkennen. Durch letztere Rolle erwuchs er zu einem Kulthelden. Durch sein Aussehen, das Charisma, das er auf der Leinwand wiedergibt, und seine Fertigkeiten in Sachen Kampfkunst erreichte Tagawa einen hohen Stellenwert bei Talentsuchern und Besetzungsbüros in der amerikanischen Filmhochburg. Doch Tagawa ist nicht nur ein guter Schauspieler, er ist vor allem ein sehr erfahrener Kampfkünstler. Man muß sich Tagawas Bewegungen nur ansehen um zu erkennen, daß er ein Ass in Sachen Kampfsport ist. Dabei stellt er sein Können nicht so heraus wie manch anderer extrovertierter Leinwand-Schwarzgurt. Wenn Tagawa kämpft, muß er nicht schauspielen. Bei ihm ist alles echt.

Kampfkunst als Notwehr ohne zu Kämpfen

„Ich kam in Tokio zur Welt und begann mit den Kampfsport als ich fünf Jahre alt war. Später, als ich zur Junior Highschool ging, lernte ich Kendo,“ erinnert sich der Wahlamerikaner. „Später zogen wir nach Fort Bragg in North Carolina (USA). Da lernte ich zum ersten Mal, wie man die Martial Arts anwendet.“ Als Armyangehöriger mußte er jedesmal umziehen, wenn sein Vater an einen anderen Stützpunkt verlegt wurde. Als sein Vater zurück in die Staaten berufen wurde, wechselte er zwangsläufig die behüteten Familienverhältnisse im Land der aufgehenden Sonne gegen die Rassengegensätze im Kontinent der großen Freiheit. „Als Japaner hatte man es in der 50er Jahren sehr schwer,“ erklärt der gutmütige Schauspieler. „Es war das erste Mal, daß ich die Notwendigkeit für Kampfsport entdeckte, um zu überleben. Dennoch dürfte meine Definition der Martial Arts anders sein, als die anderer Leute.“ Anstatt die Rednecks und Bullies, die ihn hänselten und jagten, entgegenzutreten, bekämpfte er sich auf andere Weise. Er besiegte sie mental, nicht mit den Fäusten. Er fand einen Weg ihre Gewalt so zu leiten, daß er unnötige Konflikte vermied. „Wenn es zu einem Kampf kommt, gibt es keinen Gewinner,“ warnt er, „es ist immer besser eine Situation friedlich zu lösen.“

Cary Tagawa
Tagawas positive Einstellung macht ihn zu einem beliebten Partner für Interviews.

Kampfkunst = Energie Studium

Während des Interviews mit unserem Mitarbeiter erklärt Tagawa stundenland „Chi“, die innere Kraft, und wie man sie erlangt. Für ihn ist seine Theorie mehr als nur eine philosophische Haltung. Es ist auch eine Wissenschaft, die man für Jahrzehnte studieren muß. „Ich glaube das Wichtigste beim Studium der Martial Arts ist die Beobachtung der Energie. Ich sehe Energie als eine Quelle in uns, die nicht allein durch bloßes Ansehen ersichtlich oder durch logische Gründe erklärbar wird. Es ist eine andere Anschauungsweise, anders als die in der westlichen Welt übliche, die keine Verbindung zur Natur aufbaut.“

Mehr als nur Bewegungen …

Das Wissen, wer man ist, warum man lebt und was man in seinem Leben sein Ziel nennt, bildet für ihn die Grundlage seiner Philosophie für die Martial Arts. Um die Harmonie zwischen Bewußtsein, Körper und Geist zu unterstützen erschuf er ein eigenes System „Chun-Shin.“ Laut Tagawa bedeutet es soviel wie sich zwischen Herz und Bewußtsein wiederzufinden. „Bevor ich die körperlichen Aspekte der Kampfkünste lehre, zeige ich die Kunst der Energie. Es gibt eine ganze Menge Kampfkünstler die wissen, wie man die Bewegungen einer Kata ausführt – viele davon wollen jedoch mehr wissen. Ich will diese Neugierde stillen und diesen Aspekt in die Kampfkünste einbringen.“

Budounterricht mit heilender Wirkung

Sein Unterricht beginnt mit Atemübungen um Energiefesseln des eigenen Körpersystems abzuwerfen. Beim Ein- und Ausatmen bewegt Tagawa seine Schüler in zahlreiche unterschiedliche Positionen. Einige im Sitzen, andere im Stand und andere in Verrenkungen, die von der Gestalt an eine Brezel erinnern. Es ist ein sehr ungewöhnlicher Workout, den selbst eingefleischte Experten in zahlreichen Jahren ihres Trainings noch nie erlebt haben. Während dieser Manöver drückt und massiert Tagawa verschiedene Punkte des Nervensystems mit Fingern und Ellbogen. Gut 90 Minuten dauert die Prozedur. Laut unserem Mitarbeiter Terry Wilson „fühle man sich hinterher 10 Jahre jünger. Tatsächlich hatte ich eine alte Verletzung am Bein durch frühes Judotraining. Ich fühlte mich plötzlich wie ein Taekwondokämpfer. Das Bein, das ich vorher nicht dehnen konnte, war plötzlich ohne Schmerzen. Es war schon Jahre her, daß ich mit diesem Bein einem hohen Rundkick ausführen konnte. Als Cary mit mir fertig war, konnte ich wieder schnell und kraftvoll kicken.“

Cary Tagawa Terry Wilson
Unser Mitarbeiter Terry Wilson erfährt eine Einführung in Chun-Shin. Gut 90 Minuten behandelt Tagawa seine Nervenpunkte mit Händen und Füßen.

Das Licht am Ende des Tunnels

Nach einem Training mit Tagawa fühlen sich selbst Menschen mit starken „Chi“ oder Energiefeld ruhiger und ausgeglichener als vorher. Es ist erstaunlich, denn der Effekt hält rund eine Woche an. „Man erkennt das Licht am Ende des Tunnels,“ wie Tagawa die Einführung in sein Martial Arts System nennt. Er sagt, dieses Licht habe ihn bis heute durch sein ganzes Leben geführt, sowohl seine Persönlichkeit geformt als auch seine Karriere beeinflußt.
„Eine andere Sache, die ich dadurch entdeckt habe, ist die Möglichkeit unterschiedliche Angelegenheiten gleichzeitig zu bewältigen. Ich kann die Dinge viel besser einschätzen. Es ist egal, ob ich einen Gegner im Kampf habe, mit Hollywoodbusiness beschäftigt bin oder mit einem Schläger fertigwerden muß. In allen Situationen spielt die Energie eine wesentliche Rolle. Darauf basiert meine Lehre der Martial Arts. Zunächst erwecke ich Neugier dafür, wie man den Unterschied des Gebrauchs von physischer und mentaler Kraft anwendet. Dann zeige ich, wie man seine innere Kraft entwickelt, die jeder von uns in sich hat, jedoch nur wenige wissen, wie man sie anwendet.

Später Ruhm als Leinwandstar

Seine Karriere in Hollywood begann Tagawa spät. Seine erste Rolle erhielt er erst 1985 als 36jähriger in „Big Trouble in Little China.“ Dem folgten „Armed Response“ und „Der Letzte Eroberer.“ Seine Karriere erfuhr Auftrieb, weil man in Hollywood nach Asiaten als typische Bösewichte suchte. Mit seinen dramatischen Gesichtszügen und jahrelanger Erfahrung im Kampfsport konnte er sein Talent schnell in bares Geld umsetzen.

chun shin
Mit einem 3 Meter Stock übt Tagawa sein Chun-Shin System. Der Stock dient als dritter Balance Punkt um die Energie des Körpers (Chi) besser zu kontrollieren.

„Ich hatte viel Glück, als die Asiaten an der Reihe waren, als Bösewichte Hollywood zu erobern. Ich halte den Bad Guy im Film für sehr wichtig. Natürlich war mein Background aus den Martial Arts ein großes Plus für die Rollen, die ich bekam,“ begründet Tagawa seinen plötzlichen, wenn auch späten Erfolg.

Ruhe als Schlüssel zum Erfolg

Den Schauspieler umgibt eine Ruhe, die sich auf alle Personen in seiner Nähe überträgt. Schauspieler, Regisseure und Stuntleute haben ihn gerne um sich, denn wenn er bei wahnsinnig hektischen Drehs auftaucht, schwindet die negative Energie sofort. Verrückte Produzenten werden gelassen, aus Stirnrunzeln wird ein Lächeln und plötzlich ersetzt beste Harmonie alle Ängste. Auf die Frage, wie er es nur macht, daß alle ihn mögen, entgegnet er: „ich mache nichts, was ihnen nicht gefällt.“

Die Kraft kommt aus dem Universum

Aus den ersten Karatestunden kennt man die Bedeutung von Gleichgewicht, Fokus und Kontrolle. Es gibt jedoch kaum jemand, der einen so hohen Stand erreicht, wie Tagawa. Für die meisten dauert es Jahrzehnte des Trainings bevor man überhaupt die Grundzüge der inneren Kraft erkennen kann. Tagawa wußte bereits sehr früh, daß die wahre Kraft der Martial Arts aus dem Universum kommt und nicht etwa aus dem Gjaku Tsuki. „Als ich fünf Jahre als war, verstand ich, wo die echte Kraft herkommt. Das Herz der Martial Arts, woher die Kraft rührt, ist der natürliche Bund zwischen den Menschen. Es ist Liebe oder ein Konzept der Humanität als Ganzes, wo wir unser Leben beginnen. In vielen Fällen gehen wir durch einen Konflikt um Harmonie zu erreichen oder zu lehren. Ich begann bei der Harmonie, um den Konflikt zu lösen.

Traditionelles Karate Training mit vollem Kontakt

Der Konflikt, auf den Tagawa anspielt, war sein zusätzliches Training im Kendo und Karate. Mit 21 begann er, traditionelles Karate an der Universität von Südkalifornien zu lernen. Ein Jahr später zog er zurück nach Japan, wo er nach den Prinzipien der Japan Karate Association (JKA) unter dem bekannten Meister Masatoshi Nakayama weitertrainerte. Er empfand das Training als sehr traditionell, hart und oftmals als sehr brutal. „Wir trainierten sechs Stunden pro Tag, jeweils zwei Stunden pro Einheit. Kata war der Schlüssel zu allem, was wir taten. Wir liefen Kata bis zum Umfallen. Kumite gab es nur nebenbei. Wenn wir doch einmal kämpften, mußten Weißgurte gegen Schwarzgurte in den Ring. Den ersten Doppelkick sah ich, als ich einen Frontkick blocken wollte und bei der Umstellung meiner Position plötzlich von einem Halbkreiskick zum Kopf getroffen wurde. Als ich derart hart getroffen wurde, hatte ich nur den primitiven Gedanken, wieder in den Kampf zu gehen und ihn genauso hart zu treffen.“ Nachdem die Sterne aus seinem Kopf gewichen waren, verbeugte er sich vor seinem Partner: es war Zeit, zurückzuzahlen. Als sein Gegner auf ihn zukam, erwischte er ihn voll mit einem Backfist, der ihn mit blutendem Kiefer zu Boden schickte. „Wir kämpften mit vollem Kontakt, aber nicht mit voller Kraft,“ erklärt Tagawa die Gewohnheiten im Dojo, die in Europa für strenge Traditionalisten abwegig sind, in Japan aber völlig üblich. „Natürlich hatten wir damals keine Boxhandschuhe oder Fußschützer. Eine Sache, die mir in Japan auffiel, war, daß man für Persönliches keinen Respekt hatte. Alles dreht sich darum, Persönliches abzulegen. Wenn man sich also um seine Sicherheit Gedanken macht, kann man sich nicht voll der Technik widmen. Die Hingabe für die Technik ist das Wichtigste, und das nicht nur im Karate. So sind die Japaner. Jeder gibt sich seiner Aufgabe voll hin, egal ob es sich dabei um den Chef einer großen Firma oder um den Reiniger von Aschenbechern handelt. Sie lernen, stets das Beste zu geben, in dem, was sie tun. Disziplin ist Hingabe, Fokus ist Hingabe und Training ist Hingabe. Nicht nur ein Schüler muß diese Hingabe zeigen, auch die Lehrer sind in der Pflicht. In westlichen Dojos findet man letzteres fast gar nicht.“

Zu jung zum meditieren

Obwohl Tagawa sich zu einem außergewöhnlich guten Fighter entwickelt hatte, konnte er die Definition dieser Einstellung nicht mit der eigenen Auffassung von Harmonie verbinden. „Ich war mental nicht einverstanden mit der Einstellung – laß uns da raus gehen und diesen Typen verprügeln. Die JKA wollte der Welt unbedingt demonstrieren, daß wir den stärksten Stil hatten, was sie durch Kämpfen beweisen wollten. Mit diesem Gedankengut hatte ich meine Probleme.“ Tagawa fühlte sich mit der Philosophie der JKA nicht wohl. Er wollte Spiritualität entwickeln. Aus diesem Grund ging er zu seinem Meister und suchte das Gespräch. „Meine Auffassung der Martial Arts wurde grundlegend geändert! Als ich Meister Nakayama nach Meditation fragte, entgegnete er: ‚du bist jung, du mußt kämpfen. Meditieren kannst du, wenn du alt bist.‘ Für einen der zwei höchstgraduierten Meister seiner Zeit war diese Antwort sehr enttäuschend. Es war einfach keine gute Antwort. Ich hielt inne und dachte über meine Ziele nach. Ich erwartete von den Martial Arts einen tiefen inneren Frieden. Das war es, was ich erforschen und entwickeln wollte.“ Tagawa bedankte sich bei seinen Lehrern für den Unterricht, packte seine Sachen und verließ das Team und das Dojo um auf einem anderen Level weiterzutrainieren.

Cary Hiroyula Tagawa
Das richtige geistige Gleichgewicht zu finden wird durch Balanceübungen mit Partner vereinfacht.

Chun-Shin

Stocktraining für besseres Gleichgewicht

„Ich habe nie mit dem Kampfkunsttraining aufgehört, ich habe nur die formalen Strukturen verlassen. Damals begann ich zu meditieren. Metaphysik, Numerologie und alle Dinge, die mit menschlicher Energie zu tun hatten, begannen mich zu interessieren.“ Während dieser Zeit stellte Tagawa die Bestandteile seines „Chun-Shin“ zusammen. „Mein Stil entbehrt dem physischen Kämpfen völlig. Es ist das Studium der Energie. Ich benutze z.B. einen rund zwei Meter langen Stock, der die Übungen körperlich anstrengender macht als z.B. Tai Chi oder Yoga. Der Stock gibt uns einen dritten Punkt für das Gleichgewicht, den wir normalerweise nicht besitzen.“
Tagawa erklärt, daß Tiere wie die Dinosaurier oder Kangaroos ihren Schwanz für die Balance einsetzten, bzw. als Beinersatz, um im Falle eines Kampfes ihre Extremitäten besser zu nutzen. Der Stock kann bei den Übungen ähnlich dem Schwanz von Tieren eingesetzt werden. „Nach mehr als 20 Jahren habe ich den Stock in ein System eingebunden um Balance, Fokus und Ausgleich zu trainieren. Der dritte Balancepunkt ermöglicht es, ungeahnte Energien freizusetzen. Außerdem gibt es mir eine Kraft, gegen die ich arbeiten kann. Das ist sehr hilfreich.“

Wissen zu teilen ist sein oberstes Ziel

Tagawa verfolgt keine Pläne, hunderte von Chun-Shin-Schulen zu eröffnen oder mit Privatstunden für Stars großes Geld zu scheffeln, obwohl er das durchaus könnte. Er ist ein Kampfkünstler, der sein Können mit anderen teilen möchte. Sein Ziel ist es, jene zu führen, die ein unstillbarer Wissendurst für die Martial Arts plagt. Wieviel sie trinken, entscheiden nur sie. „Meine Absicht mit Chun-Shin ist, einen Orientierungspunkt für alle Kampfkünste zu bilden. Im Herzen wollen wir uns durch die Martial Arts als Menschen verbessern. Ich möchte helfen, das wir das auch erreichen.“

 

Bruce Lee Cover

Dieser Beitrag fand in der 4. Ausgabe 1997 seine Veröffentlichung.
Erstellt wurde der Beitrag von Terry Wilson

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