Zeuge des Unmöglichen

Jim Kelly in Todeskralle

Peter Archer (l.) in der bekannten Szene mit Jim Kelly. Bei den Dreharbeiten wurden die Techniken mit vollem Kontakt ausgeführt. Archer konnte an einem Abend vor lauter Schmerzen nur noch Eiskrem essen.

Der australische Karatechampion Peter Archer erzählt über die Dreharbeiten zum größten Kampfsportfilm aller Zeiten „Der Mann mit der Todeskralle“.

Wer ist Peter Archer? Nur wenige Kenner der australischen Karateszene können sich an diesen Ausnahmekämpfer erinnern, der heute als erfolgreicher Geschäftsmann in Sydney seinen Lebensunterhalt bestreitet. Seinen größten Auftritt bestritt er Anfang der siebziger Jahre als Darsteller im größten Kampfsport-Kino-Spektakel aller Zeiten, „der Mann mit der Todeskralle.“ Unser australischer Mitarbeiter Walt Missingham hat den alten Haudegen in seiner Heimatstadt besucht, um ihm interessante Fragen zu stellen.


Können sie uns sagen, wie sie die Rolle in „der Mann mit der Todeskralle erhielten ?

Ja, ich kannte Bruce Lee bereits. Er kam in unsere Karateschule in Hong Kong. Ich glaube, er hat sehr viele Schulen dort besucht, als er aus den USA gekommen ist. Eines Tages rief er mich an und fragte, ob ich mal bei ihm vorbeischauen könnte um etwas zu bereden. Er suchte noch jemanden für eine Rolle und meinte, daß ich sie übernehmen könnte. Ich sagte, „mal sehen, ob ich frei bekomme.“

Wann haben sie Bruce zum ersten mal getroffen?

Das war, als er unsere Schule besuchte.

Sie haben lange Kampfsport betrieben. Welche Meinung haben sie über die kämpferischen Fähigkeiten von Bruce Lee?

Physisch überragend. Ich meine, Pfund für Pfund war er der stärkste Mann, den ich jemals kennengelernt habe. Er war relativ klein, hatte aber unglaublich viel Kraft. Beim Kämpfen hatte er die richtige Intuition. Außerdem hatte er den „sechsten Sinn,“ der ihn herausragen ließ. Ich habe viele gute Kämpfer gesehen, doch ich habe nie eine solche Poesie in den Bewegungen gesehen wie bei Bruce Lee.

Bruce Lee against Bob Wall

Peter Archer wurde Augenzeuge eines Sparrings von Bruce Lee (l.) und Bob Wall. Er meint, daß Bruce Lee zu schnell war für den Amerikaner Wall.

War er ein guter Choreograph für Kampfszenen ?

Er war exzellent. Es ging ihm so einfach von der Hand. Er sagte zu mir und Jim Kelly, was wir machen sollten. Wir gingen und übten es ein. Dann zeigten wir es ihm und er verbesserte hier und da ein wenig. Dann war alles fertig und die Szene im Kasten.

Was halten sie von seiner Philosophie?

Er hatte immer diese kleinen Weisheiten auf Lager. Ein wenig Zen hier und da.

.. und von seinem Bodybuilding?

Ich kann mich erinnern, daß er in der Klappmesserposition, in der Beine und Oberkörper ein perfektes „V“ bilden, für geraume Zeit verharren konnte. In dieser Position schaute er Fernsehen.

Wie war ihr eigener Eindruck von ihm als Person?

Er war sehr freundlich und selbstsicher. Er wurde durch seine Erfolge übermutig und träumte davon, daß seine Filme sich besser verkaufen würde als die, der großen Stars Charles Bronson, Steve McQueen, Clint Eastwood, etc. Er hatte einen Sinn für Humor. Da war immer so ein Glitzern in seinen Augen und er war sehr schlagfertig.

Haben sie jemals eine ganze Kampfszenen mit ihm am Set gesehen?

Nein, leider nicht. Ich habe nur Beispiele gesehen. Einmal wurde er von einem Statisten herausgefordert. Bruce hat ihn mit dem Handballen auf den Kopf geschlagen und ihm ein paar Ohrfeigen gegeben. Das war nichts Ernstes. Ich habe einmal gelesen, daß er die Statisten selbst ausgewählt hat und ihren Kampfstil dabei testete. Das kann ich mir nicht vorstellen. Aus meiner Sicht war das nicht sein Stil. Er putzte sie nur gerne runter und ließ sie wie Idioten dastehen. Er hat sicher nicht die Statisten verprügelt um sich warm zu machen.

Wir haben gehört. daß sie bei einem Sparringskampf zwischen Bruce Lee und Bob Wall dabei waren. Was für einen Eindruck hatten sie von diesem Gefecht?

Ja, ich erinnere mich daran. Bob war ein guter Sportler. Er machte Sprüche darüber, wie gut er Schläge und Kicks einstecken kann. Mit Bruce hatte er jedoch ein großes Problem: er war zu schnell für ihn. Bob sah gegen Bruce einfach langsam aus.

Haben sie jemals die Möglichkeit gehabt, mit Bruce persönlich zu trainieren?

Ja, wir haben uns über die Philosophie der Martial Arts unterhalten. Er wußte, daß ich Karate betrieb und bemängelte die Steifheit der japanischen Stile im Vergleich zum Bewegungsfluß des Jeet Kune Do. Er vertrat die Auffassung, daß die Japaner in ihrem Geist nicht offen sind.

Sie waren einer von drei Kämpfern, die in „der Mann mit der Todeskralle“ eine Sprechrolle erhielten. Das war in der ursprünglichen Form des Drehbuches nicht vorgesehen. Können sie sich erinnern, wie diese Szene zustande gekommen ist?

Soweit ich weiß, war die Rolle bereits im Drehbuch vorhanden. Als Bruce mich das erste Mal ansprach, sagte er, daß er etwas extra wolle und nach einem Ausländer sucht. Er hatte die Angelegenheit bereits mit Robert Clouse besprochen, doch es lag ausserhalb des Budgets, jemand aus den USA einfliegen zu lassen. Wir mussten die Szene improvisieren, da man kurzfristig das Dreh-buch nicht ändern konnte. Ich habe nie ein fertiges Skript gesehen. Man hat mir nur gesagt, das ich sprechen sollte. Im Film war es ohnehin nicht meine Stimme, die zu hören war.

Was haben sie von John Saxon gehalten?

Ein sehr netter, höflicher und freundlicher Mensch.

. . . und von Jim Kelly?

Er war sehr nett, aber doch verrückt.

und von Ahna Capri?

Wir hatten ein paar mal Lunch zusammen. Wir hatten jedoch nicht viel miteinander zu tun. Sie war sehr freundlich.

Robert Clouse?

Ein ungemein interessanter Typ. Offensichtlich stand ihm nur ein kleines Budget zur Verfügung, doch er bekam die Produktion zum Laufen. Er brachte uns dazu, die Kampfszenen ständig zu wiederholen. Ich wünschte, er hätte das nicht getan, wir waren fix und fertig. Eine Einstellung mit Jim Kelly mußten wir sechsmal wiederholen. Er hatte feste Turnschuhe an und wir hatten vereinbart, daß er voll zutreten würde, damit es realistisch aussah. Ich mußte die Schläge wegstecken, was ich auch tat. Mein Bauch hat an diesem Abend so wehgetan, daß ich vor Schmerzen nur Eiskrem essen konnte.

Walt Missingham

Peter Archer (l.) mit Walt Missingham

Können sie uns einen Eindruck über Lees Verhalten am Drehort geben?

Es war einfach, mit ihm zu arbeiten. Aufgrund der Presseberichte hatte ich etwas anderes erwartet. Man sagte, daß er ein großes Ego hatte, doch das fand ich nicht. Ich erinnere mich, daß er viel laß und sich gerne in der Gesellschaft anderer Menschen aufhielt. Dennoch wirkte er auf mich sehr nervös.

Haben sie erwartet, daß „der Mann mit der Todeskralle“ diesen großen Erfolg feiern würde?

Nein. Wir wußten nur, daß der Film durch Bruce als Hauptdarsteller an Momentum gewinnen würde und Warner Brothers für einen weiten Vertrieb sorgte. Kaum jemand glaubte an einen großen Erfolg.

Haben sie nach dieser Produktion in weiteren Filmen mitgewirkt?

Nein, das war nichts für mich. Mein normaler Job war die beste Sache für mich. Ich lebte in Hong Kong von 1965 bis 1975. Als ich nach Australien zurückkehrte, begann ich mein eigenes Geschäft als Importeur und im Produktvertrieb. Das funktioniert bis heute ausgezeichnet.

Wer hat ihre Kampfszene mit Jim Kelly choreographiert?

Jim und ich. Bruce sagte uns nur, „ihr zwei geht zur Seite und zeigt mir, was ihr machen wollt.“ Wir zogen uns hinter eine Mauer zurück. Das Problem mit Jim war, daß er am liebsten mit einer Technik gewonnen hätte. Bruce war das nicht genug und so mußte Jim mehr machen. Er wäre beleidigt gewesen, wenn Bruce von ihm verlangt hätte, sich von mir treffen zu lassen. Er wollte gut aussehen.

Erzählen sie uns etwas über ihren Hintergrund aus dem Kampfsport?

Ich begann mit Judo, später betrieb ich ein wenig Tai Chi. Letztlich kam ich zum Karate, erst zum Shotokan, dann zum Goju-Stil. Ich gewann mehrmals die Meisterschaften von Hong Kong. 1970 kämpfte ich bei den Weltmeisterschaften in Tokio, 1972 erreichte ich den zweiten Rang bei der WM in Paris.

Im Film haben sie gegen Jim Kelly verloren. Hätten sie in einem richtigen Kampf eine Chance gegen ihn gehabt?

Oh ja. Ich denke die hätte ich auf jeden Fall.

Cover

Birol Özden Ving Chun

Dieses Interview mit Peter Archer, das Walt Missingham fuehrte, Erschien in der zweite Ausgabe der Kung Fu Revue im Winter 1996.

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