Linda Lee: Das verschollene Interview

Linda Cadwell LeeEs war 1989 als ich von St. Petersburg, Florida, aus das „Fighter International“ Magazin publizierte. Damals erhielt ich die Möglichkeit das folgende Interview mit Bruce Lees Witwe, Linda Lee, zu führen. Ich nenne es das „verlorene Interview,“ weil es bis heute nie veröffentlicht wurde. Wenn ich mich recht erinnere, hatte ich zunächst einen freien Mitarbeiter angesetzt, dieses Interview zu führen, doch er versagte kläglich. Als Folge interviewte ich die „First Lady der Martial Arts,“ die ich seit 1973 kenne, persönlich. Sie ist eine Frau mit außerordentlicher innerer Kraft und einem hohen Maß an Integrität. Sie überlebte nicht nur den tragischen Tod ihres Mannes 1973 sondern auch die Tötung ihres Sohnes, der 1993 bei den Dreharbeiten zu „The Crow“ durch einen versehentlich gelösten Schuß ums Leben kam. Ich habe mich sehr über ihr Comeback gefreut – vielleicht ihr größter Erfolg – als Bruce Lee an einem Nachmittag 1994 den langersehnten Stern auf Hollywoods „Walk of Fame“ erhielt, und die Universal Studios mehr als eine Million Dollar aufbrachten, um die Erstaufführung der Lebensbiographie des bekanntesten Kampfkünstlers „Dragon, the Bruce Lee Story,“ in Manns Chinesischem Kino in Los Angeles zu feiern. Es war dasselbe Theater, in dem „Der Mann mit der Todeskralle“ vor mehr als 20 Jahren uraufgeführt wurde. Der Wert des vorliegenden Interviews besteht durch die ehrlichen Antworten der Witwe, welche ihre Gedanken zu dieser Zeit verdeutlichen, ihr Verhältnis zum Kampfsport und ihre Gefühle zu ihrem Leben mit dem illustren Schauspieler. Heute lebt Linda zusammen mit ihrem neuen Mann, einem Anwalt, abgeschieden im mittleren Westen der Vereinigten Staaten.

Das folgende Interview führte ich im September 1989 in El Paso Texas. Linda war dorthin gereist um als Schirmherrin eines Karateturniers zu fungieren, das im Namen ihres verstorbenen Mannes aus Erlösen und Spenden Stipendien an junge Nachwuchssportler vergibt.

In letzter Zeit kamen viele neue Bücher zum Thema Bruce Lee heraus, zahlreiche Artikel wurden wieder in den Fachmagazinen veröffentlicht. Haben sie diese Publikationen gesehen und wenn ja, was halten sie von ihnen ?

Meeting mit Meister Jhoon Rhee

Anläßlich des Bruce Lee Schoolarship Karate-Turniers trafen sich die alten Hasen der amerikanischen Martial Arts zu einem Abendessen. Mittlere Reihe (v.l.n.r.): Linda Lee, Bill Wallace (US-Vollkontakt Karate Legende), Joe Lewis (erster Kickboxer, Schwergewichtsweltmeister) und Frau, n.n., Mike Anderson (Begründer PKA, PKO, WAKO), Jhoon Rhee (Vater des amerikanischen Taekwondo), Jim Harrison (Karate Pionier) mit Frau und Kind, Pat Burleson (Karate Pionier) mit Frau, dazwischen: Richard Morris (Turnierorganisator). Vorne mitte: Ismael Robles (Ex-Kickbox-Weltmeister)

Nein, ich kenne sie nicht.

Sie sind weit gereist, um zu diesem Turnier zu kommen. Warum? Ist es weil sie Lehrerin sind und glauben, daß dieses Turnier der Jugend hilft ?

Ja, es ist eines der wenigen Dinge, von denen ich glaube, daß es Wert ist, den Namen von Bruce Lee zu tragen. Wie sie sagen, es ist für die Jugendlichen und für deren Erziehung in den Martial Arts. Bruce war ein hochgebildeter Mann. Nicht nur durch seine Schulbildung, er studierte Philosophie auf den College, sondern durch sein Bestreben ständig Neues zu lernen, zu lesen. Das ist für mich der Sinn von Bildung. So kann ein Mensch bis zum Lebensende lernen. Ich glaube, er wäre stolz auf dieses Turnier. Daher bin ich hier. Außerdem ist sein guter Freund, Jhoon Rhee hier, um das Turnier zu unterstützen. Er führte den Weltkongreß für Martial-Arts-Bildung an und gab die Inspiration zu diesem Turnier.

Wenn wir gerade über die amerikanische Jugend sprechen, muß man leider feststellen, daß sie unter einer Welle von Kriminalität und Drogen leiden. Denken sie, daß Bruce erschreckt wäre über die heutigen Bedingungen für die Jugendlichen in den USA ?

Auf jeden Fall, er wäre erschüttert. Ich glaube er hatte einen positiven Einfluß durch seine Filme. Durch seine Anregung hat er viele junge Leute zum Kampfsport gebracht. Wenn er seine Arbeit fortgesetzt hätte, wäre sein Einfluß sicher weiter gewachsen. Man muß bedenken, daß Bruce in den fünfziger Jahren in Hong Kong aufgewachsen ist, wo die Kriminalitätsrate besonders hoch war. Das war einer der Gründe, warum er mit dem Kampfsport begonnen hat. Durch dieses Training konnte er sein Leben in gerade Bahnen lenken. Vorher saß er den ganzen Tag auf der Straße herum, war schlecht in der Schule. Mit 13 begann er mit den Martial Arts, die ihm die nötige Disziplin und ein Ziel im Leben gaben.

Richard Morris

Linda Lee mit Turnier-Veranstalter Richard Morris

Es gibt viele widersprüchliche Berichte über Bruce Lees Verhältnis zum amerikanischen Karate- und Kickboxstar Joe Lewis. Was können sie uns über diese Verbindung sagen ?

Bruce und Joe waren gute Freunde. Joe kam oft zu uns und trainierte mit Bruce. Sie hatten viel Spaß und verbrachten viele Trainingsstunden zusammen. Joe sah stark zu Bruce auf und ich meine mich daran zu erinnern, daß Joe gesagt hat, daß er Bruce viel zu verdanken hat.

Bruce ist definitiv eine Legende unter der amerikanischen Jugendlichen, doch wie sieht es in Hong Kong und dem Rest von Asien aus ?

Man hält auch dort noch viel von ihm. Ich war schon lange nicht mehr in Hong Kong, so daß ich nicht sagen kann, wie es heute ist. Es gibt andere Leute, die das besser wissen als ich. Ich weiß jedoch, daß es viele Menschen gibt, die dorthin reisen um Nachforschungen über Bruces Leben anzustellen. Universal Studios haben für ihren Dokumentarfilm in Hong Kong recherchiert. Die Leute aus dem Filmgeschäft sind Bruce dankbar, denn er hat die Arbeitsweisen in der Filmindustrier aus Hong Kong grundlegend verändert. Er hat für viele Neuerungen gesorgt.

Wie sieht ihr Leben heute aus? Spielt Bruce Lee noch eine große Rolle in ihrem Leben?

Ja, das würde ich sagen. Es gibt soviele Dinge, die jede Woche oder fast jeden Tag mit ihm zu tun haben. Besonders im Moment, da ich gerade ein Buch über ihn geschrieben habe und Universal einen Film über ihn dreht. Es gibt viele Leute, die mich anrufen und Fragen über Bruce stellen. Einige wollen selbst ein Buch über ihn Schreiben, das Interesse ist groß. Es ist schon komisch: Wenn ich in den Kindergarten gehe kennen ihn die fünf Jahre alten Kinder, die erst elf Jahre nach seinem Tod auf die Welt kamen und erzählen mir, daß sie durch ihn inspiriert werden.

Bruce Lee in Green Hornet

Haben sie heute einen Lieblingsschauspieler aus dem Bereich des Kung Fu oder Karate ?

Wie sie wissen gibt es jede Menge guter Kampfsportler beim Film und noch mehr, die nicht beim Film sind. Allein heute bei diesem Turnier heute habe ich viele talentierte Sportler gesehen. Ich kann nicht sagen, daß mir einer mehr gefällt als ein anderer. Ich kenne mich nicht wirklich aus in dem „Who is who“ auf diesem Feld.

Es stimmt doch: Karate und Kickboxstar Joe Lewis (re.), der hier eine Trophäe von Bruce Lee in Empfang nimmt, war ein guter Freund und Trainingspartner des Verstorbenen.

Glauben sie, daß ein nationales Kampfsportprogramm, etwas ähnliches, was sie mit Jhoon Rhee hier auf die Beine stellen, nur weitgestreuter, eine gute Sache wäre ?

Ich denke, das wäre phantastisch. Wir haben das ganze Wochenende darüber gesprochen. Es wäre schön, wenn wir das Turnier auf regionale Ebene und später auf nationale Ebene ausweiten könnten um mehr und mehr Kampfsportler anzuziehen. Ich glaube, daß alles, was die Jugend zum Kampfsport bringt, eine gute Sache für ihre Entwicklung ist. Wenn ich im Kindergarten Probleme mit Kindern beobachte, die ihre Aggressivität und ihren Körper nicht kontrollieren können, empfehle ich ihre Eltern, sie zum Kampfsporttraining zu schicken. Dadurch lernen sie, sich zu kontrollieren und Respekt zu empfinden. Alles auf dieser Linie kann für sie sehr hilfreich sein.

Wie berührt sie dieses Turnier und das Zusammensein mit den Sportlern ?

Wissen sie, was mich jedesmal berührt, ist das Engagement und die Arbeit der Leute, die das Turnier aus die Beine stellen. In allem, was sie tun, sind sie überaus positiv. Sie sind glücklich mit dem, was sie hier tun. Sie sind hier und arbeiten weil sie es wollen und sie arbeiten gerne so hart, weil sie wollen, daß das Turnier ein großer Erfolg wird. Es inspiriert mich persönlich sehr, wenn ich nach Hause gehe und meine Ziele mit dieser positiven Kraft im Rücken angehe. Ich denke, diese Leute sind großartig. Sie sind wirklich eine große Inspiration für mich.

Was ist ihre persönliche Meinung über die aktuelle Situation der amerikanischen Jugend ?

Man kann die Jugendlichen nicht einfach beschuldigen, weil sie nicht nein sagen, denn der Druck ist viel zu hoch. Wir müssen anfangen, eine bessere Bildungsmöglichkeiten anzubieten. Wir müssen sie bereits als kleine Kinder über Drogen aufklären und ihnen Folgen aufzeigen. Durch Fernsehen und Filme müssen wir ihnen veranschaulichen, was Drogen anrichten können. Wir können es nicht zulassen, daß Menschen, die mit Drogen zu tun haben, glorifiziert werden. Was soll ich ihnen sagen? Treibt Sport, das beschäftigt sie und sie haben nur mit Kindern zu tun, die aktiv sind.

Wenn wir sie hören, kann man denken, daß dieses Turnier für sie ein großer Erfolg ist. Hat sich die Reise für sie gelohnt ?

Ja, das kann man sagen.

Wie sieht ihre Zukunft aus ?

Ich bin eine Kindergärtnerin. Ich werde wahrscheinlich ein Jahr frei nehmen. Ich will ein paar neue Projekte in Angriff nehmen. Ich arbeite als Beraterin für eine Filmfirma, die eine Dokumentation über Bruce produziert. Das wird einige Zeit in Anspruch nehmen. Ich will mich mehr um dieses Turnier kümmern, es wäre schön, wenn wir es auf eine breitere Basis stellen könnten. Ich will auch wieder schreiben, vielleicht werde ich ein paar Kinderbücher schreiben. Mal sehen, ob das funktioniert.

Cover

Birol Özden Ving Chun

Dieses Interview führte John Corcoran aus Los Angeles. Es erschien in der zweiten Ausgabe der Kung Fu Revue.
Fotos: EABL, Loretta Ballhaus

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