Steve Lee Johnson

Steve Little Johnson

Unterricht bei Bruce Lee
Wie Steve L. Johnson ein Schüler
von Bruce Lee wurde

Die original Schüler von Bruce Lee haben erleben können, wie der Kampfsportrevolutionär den Budosport zu dem machte, was er heute ist. Wir haben einen seiner früher Schüler, Steve L. Johnson, in die Redaktion eingeladen, um von ihm zu erfahren, wie das Training bei Bruce Lee wirklich ablief. Lesen sie auf den folgenden Seiten mehr über die Zeit, die den Kampfsport am meisten beeinflußte.


Eine kleine Anzeige in einem zerknitterten Magazin weckte im Winter 1966 Steve L.Johnsons Interesse: beworben wurde ein neues Buch von Bruce Lee. Johnson, zu dieser Zeit Bodybuilder und Karatelehrer in Jenkintown im US-Bundesstaat Pennsylvania hoffte insgeheim, daß die angegebene Telefonnummer ihn vielleicht zu seinem neuen Idol Bruce Lee führen würde. Lee feierte in „Green Hornet“ in diesem Jahr seine ersten Auftritte im Fernsehen. Johnson gefielen besonders die Kampfszenen.

Bruce Lee in Los Angeles

Steve zusammen mit Bruce Lee vor dessen Dojo in Chinatown, L.A. (ca. 1967)

Natürlich war es nicht die Nummer des „King of Kung Fu.“ Dennoch sollte dieser Anruf sein Leben ändern und ihn ein halbes Jahr später mit Bruce zusammenbringen. Als er die Rufnummer wählte, erreichte er keinen Geringeren als James Lee, ein bekannter Kampfkünstler sowie Freund und Mitautor von Bruce Lee. Johnson und James unterhielten sich angeregt über das Kung Fu und andere Stile. Sie telefonierten regelmäßig über mehrere Monate bis James ihn eines Tages zum Training in sein Dojo in Oakland, Kalifornien, einlud. „Warum kommst du nicht her, dann zeigen wir dir, wie man kämpft,“ hallte es durch den Hörer. Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Johnson war begeistert, ließ alles stehen und liegen. Über die Jahre hatte der Polizeiausbilder einiges angespart, so daß der Umzug nach Oakland und der Verlust seines alten Jobs keine Hinderungsgründe darstellten.


Für seine Leidenschaft Martial Arts hatte Johnson kurze Zeit zuvor sein altes Hobby Bodybuilding aufgegeben. Trotz großer Erfolge in diesem Sport – Siege bei der Mister Pennsylvania und Mister New Jersey Meisterschaften und Plazierungen auf bekannten nationalen Turnieren – begeisterte sich der muskelbepackte Sportler für die Martial Arts. In Oakland angekommen trainierte er täglich unter James Lee. Anders als er es von den traditionellen Karatestilen gewohnt war, lag der Schwerpunkt auf Bewegen. „Verschwende nicht deine Zeit und Energie mit ineffektiven Blöcken, pariere und schlage, bewege dich,“ bleute ihm James immer wieder ein um ihm geschmeidige Bewegungen – den „Flow“ des Jeet Kune Do – beizubringen. Nach gut sechs Monaten soll James in einem Telefonat mit Bruce Lee erwähnt haben, daß Steve L. Johnson, der junge Mann der aus Pennsylvania kam, um von ihm das Kämpfen zu lernen, große Fortschritte gemacht hat. Bruce flog am nächsten Tag von Los Angeles nach Oakland um dort ein Gasttraining abzuhalten.

Steve Johnson Jeet Kune Do

Johnson befand sich im obersten Geschoß des Gebäudes als er plötzlich eine Vibration des Hauses verspürte und einen lauten Schrei hörte. Bruce Lee hatte zur Begrüßung von James‘ Schüler mit einem kräftigen Kampfschrei und einem Sidekick gegen einen Sandsack den Unterricht eröffnet. Er gab ein rund zweistündiges Training, Johnson beobachtete wie Lee in ständig musterte. Am Ende trat Bruce an ihn heran, und fragte: „Würdest du gerne bei mir in L.A. mittrainieren? Morgen um 14.30 Uhr fangen wir an.“ Natürlich setzte sich Johnson völlig begeistert in seinen neuen Camaro und düste ab in den Süden von Kalifornien. Nach achtstündiger Fahrt stand er vor Lees Haus mit der Adresse 628 College Street in Chinatown, Los Angeles. Vor dem Training stellte Bruce ihm seine Freunde und Schüler Dan Inosanto, Dan Lee u.a. vor.

Während er wußte, daß er durch das Training mit James Lee große Fortschritte erzielt hatte, merkte er in Los Angeles schnell, daß er noch viel zu lernen hatte. Die Gruppe von rund 40 Leuten, die um Bruce Lee trainierte zeigte eine enorm hohe Begeisterung für das Training mit dem aufstrebenden Filmstar. Obwohl Lee seine hochmotivierten Schüler nicht zu Bestleistungen anstacheln mußte, konnte man durch seine Art zu lehren erkennen, daß er auch ein Meister darin war, das Optimum aus seinen Schülern herauszuholen. In einem Artikel in der US-Fachzeitschrift Inside Kung Fu schilderte Johnson 1989 eine Begebenheit aus einer seiner ersten Trainingslektionen bei Bruce Lee: „Bruce forderte mich auf, Danny Inosanto meinen Sidekick zu zeigen. Ich zeigte meinen Kick zweimal. Ich wußte, daß ich zu diesem Zeitpunkt nicht so gut war wie die anderen. Bruce sagte zu Inosanto: ‚Danny stell dir vor, wie gut sein Kick erst ist, wenn er so gut wird wie wir‘.“ Für Johnson war klar, daß er bei Lee alles lernen konnte, was er ihm beibringen wollte. Ihm gefiel, daß Lee ihm, der durch seine muskulöse Statur auffiel, zeigte, daß Kraft und Muskelmasse zwei unterschiedliche Dinge waren. Durch Lees Ratschläge hörte er mit dem Gewichtstraining auf ohne dadurch an Kraft einzubüßen.

Body Building six pack

Trotz 51 Jahren noch in super Form dank Jeet Kune Do und Body Building

Was Johnson an Lee am meisten begeisterte, waren seine Schnelligkeit und die Explosivität seiner Kraftentfaltung. „Bruce öffnete in seinem Dojo die Tür und bat mich für ihn den Sandsack zu halten. Die offene Tür war genau hinter mir, gut fünf Meter. Als Bruce mit seinem Sidekick den Sandsack traf schleuderte es mich zurück, soweit bis ich durch die Tür fiel.“ Die Bewunderung für seine explosiven Techniken ging sogar soweit, daß er bis heute die Behauptung aufstellt: „Ich glaube selbst ein Muhamad Ali, der beste Boxer aller Zeiten, konnte nicht so hart und schnell schlagen wie Bruce Lee.“
Insgesamt zwei Jahre trainierte Steve L. Johnson mit Bruce Lee und seinen Meisterschülern wie Dan Inosanto, Taki Kimura, Ted Wong, Danny Lee, Roy Hollingsworth und vielen anderen. Inhaltlich dominierten Drills und Partnerübungen das Training, lediglich ein Sandsack und eine Holzpuppe standen als Equipment in Lees geräumiger Schule zur Verfügung.
Er wurde ein guter Freund der Familie. „Leider ließen mein berufliches Engegement und meine unglückliche Ehe es nicht zu, über den Tod Lees engeren Kontakt mit der Familie zu halten,“ bedauert Johnson, daß er die Kinder seines Meisters, Brandon und Shannon, nur als Babies kannte.“

1969 kehrte er nach Pennsylvania zurück und eröffnete eine eigene Schule. Entsprechend der Philosophie von Bruce Lee gab er der Art, wie er die Kampfkunst von ihm erlernt hatte, keinen Namen (Zitat Lee: „To label what I do would be in conflict with my philosophy. It would establish a pattern.“) Er lehrte Selbstverteidigung, Karate und Wing Chun, betätigte sich als Verkäufer von Nahrungsmittelpräparaten, ein Nebenverdienst aus seiner aktiven Bodybuilding-Zeit. Um seine Fertigkeiten im Wing Chun aufzubessern reiste er 1974 nach Hong Kong, wo er unter dem bekannten Yip-Man-Sohn Yip Chun für einige Wochen trainierte.
Heute verdient der symphatische Amerikaner, der immer für einen Spaß zu haben ist, mit Privatunterricht und Seminaren seinen Lebensunterhalt. Auf die Frage, wo er wohnt, entgegnet er mit der vorsichtigen Gegenfrage „wird das auch in den USA veröffentlich?“ Wir verneinen und er erklärt: „o.k., ich wohne in Albuquerque in New Mexico, meine Ex-Frau darf das nicht erfahren. Sie ist trotz Scheidung noch völlig verrückt nach mir. Letztes Jahr hat sie mir eine Verfolgungsjagd auf dem Highway geliefert und mich dabei von der Straße abgedrängt. Ich will nicht, daß so etwas noch einmal passiert.“
Für sein Alter – 51 Jahre – kann er sich gut sehen lassen. Er lebt gesund, ernährt sich bewußt und sieht durch seine athlethisch, muskulöse Figur sportlich und jung aus. „Schlecht bei einer Verkehrskontrolle,“ wirft sein deutscher Seminarveranstalter Jacky Principal ein. Auf der Fahrt in die Redaktion von Kung Fu vermutete ein deutscher Ordnungshüter einen gefälschten Ausweis: „der ist doch höchstens 35,“ kommentierte er das Geburtsdatum, den 1. März 1945, ungläubig. Seit Oktober 1996 veranstaltet der Berliner Principal die ersten Jeet Kune Do Seminare mit dem original Bruce Lee Schüler in Deutschland. Bochum und Berlin waren die ersten Austragungsorte, weitere Lehrgänge sollen im Februar 1997 folgen.
„Die deutschen Kampfsportler sind voll bei der Sache,“ lobt er beim Interview in unserer Redaktion die Teilnehmer des ersten Seminars in Bochum. Und weiter, „sie gehen beherzt und motiviert ins Training und geben nicht so leicht auf. Sie sind ganz anders als die Amerikaner, die werfen gleich das Handtuch, wenn sie nicht weiterkommen.“ Anscheinend gefällt es ihm in Deutschland so gut, daß er darüber nachdenkt, ganz hierzubleiben. Das gefällt vor allem Veranstalter Principal, der sich darauf freut, „mit dem besten und schnellsten Kampfkünstler, den er je gesehen hat,“ weitere Jeet Kune Do und Selbstverteidigungs Seminare zu organisieren. Johnsons Unterricht besteht aus individuellem Selbstverteidigungstraining nach den Konzepten des Jeet Kune Do. Jeder kann mitmachen, egal aus welchem Verband er kommt oder welcher Stil trainiert wird. Seine Lehrgänge erstrecken sich meist als sogenannte Workshops über ein ganzes Wochenende, Kostenpunkt: rund 150 DM.

Cover

Birol Özden Ving Chun

Diese Reportage erschien in der zweiten Ausgabe der Kung Fu Revue im Jahr 1996 (Sommer/Herbst). Der Berliner JKD Workshop Organisator Jacky Principal war so freundlich, Steve Johnson einzuladen. Principal kann unter seiner Facebook Seite erreicht werden:
http://www.facebook.com/profile.php?id=100000480434031

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